Heinz Rudolf Kunze ;

1983 ; Der schwere Mut ;

Man kann doch zu sich stehen wie man will

 

Wie köstlich ist die Einsicht,
dass man vielzuwenig wagt,
viel Zeit verliert mit laufendem Motor!
Man stellt sich halt die Grenzen
seiner eignen Existenz
doch meistens viel zu eng gezogen vor...
wenn jeder Mensch begriffe,
wieviel Freiheit er verpaßt
und kampflos dem Vergessen überlässt,
dann wären Nibelungentreue, Obrigkeitenkult
und Machtgier bald so chancenlos wie Pest.

Man kann doch zu sich stehen wie man will
die meisten stehen lebenslänglich still
der Wind bläst ihnen ständig ins Gesicht
doch aufzufliegen trauen sie sich nicht

Man sehe nur mal mich an,
wie ich lebe, was ich tu,
im besten Falle längerfristig nichts!
Ich sitz in meiner Wohnung
und ich feiere Pubertät
und freu mich an der Wanderung des Lichts.
Es gibt da zwar Momente,
wo der Wahnsinn leise lacht
und man sich völlig überflüssig fühlt,
doch nur an solchem Fluchtpunkt
schöpft man die Chronistenkraft,
den zu skizziern, der eine Rolle spielt.

Man kann doch zu sich stehen wie man will
die meisten stehen lebenslänglich still
der Wind bläst ihnen ständig ins Gesicht
doch aufzufliegen trauen sie sich nicht

Ich will nicht mehr verschieben
und vertagen und verliern,
der Gutschein auf die Zukunft ist gefälscht!
Ich dulde keinen Aufschub
und ich höre nicht mehr zu
bei offiziellem Durchhalt-Kauderwelsch.
Ich bin nicht länger der, von dem man sagt:
So kennt man ihn!
Ich hab ein Anrecht, weich zu sein und schrill.
Man kann doch nicht im Ernst erwarten,
dass man Recht behält.
Man kann doch zu sich stehen wie man will.